Jod ist kein Allheilmittel gegen radioaktive Strahlung

Jod ist kein Allheilmittel gegen radioaktive Strahlung

Die Ereignisse im japanischen Fukushima haben in den letzten Wochen nicht nur die Diskussion um AKWs neu entfacht, sondern auch die Frage nach einem präventiven Schutz gegen Gesundheitsschäden durch die Folgen eines Reaktorstörfalls aufgeworfen. Viele Menschen haben begonnen sich mit hoch dosierten Jodtabletten zu bevorraten. In manchen Apotheken war das Medikament zwischenzeitlich bereits ausverkauft. Der Stiepeler Boten hat bei Apotheker Heiko Meyer von der Ruhrland Apotheke nachgefragt, ob diese Bevorratung Sinn macht.

 

Welche Gefahren gehen eigentlich von radioaktivem Jod aus?
Heiko Meyer: Radioaktives Jod lagert sich, wenn es durch die Luft oder die Nahrung in den Körper gelangt, in der Schilddrüse ab. Je nach Konzentration und Menge kann es dort das Gewebe zerstören oder langfristig zu Schäden wie Schilddrüsenkrebs führen.

 

Macht es Sinn als Vorsichtsmaßname Jod zu schlucken?
Heiko Meyer: Nein, denn hochdosiertes Kaliumiodid, warum es sich hier ja handelt, ist nur für einen Reaktorstörfall gedacht. Wann dieser Fall eintritt, entscheiden die Behören bzw. das Umweltministerium. Hier wird auch über die regionale Verteilung der Jodtabletten entschieden.

 

Wer sollte im Ernstfall eigentlich Jod einnehmen und wie lange?
Heiko Meyer: Hochdosierte Jodtabletten sind für alle unter 45 Jahren, vor allem für Kinder und Jugendliche, Schwangere und Stillende wichtig. Mit zunehmendem Alter tritt häufig eine Störung der Schilddrüsenfunktion auf, so dass man bei unkontrollierter Einnahme von zu viel Jod gefährliche Nebenwirkungen riskiert. Die Ausgabe der Tabletten wird bei einem Störfall direkt von den zuständigen Behörden übernommen, die an die Bevölkerung in einem 100km-Radius um ein AKW verteilt werden. Sie informieren auch über die Einnahme.

 

Sollte man sich jetzt schon Jodtabletten auf Vorrat kaufen?
Heiko Meyer: Nein, denn die Behörden übernehmen ja im Ernstfall die kostenlose Verteilung. Die Tabletten werden derzeit in 7 Lagern bundesweit gelagert. Wer sich darauf nicht verlassen will, kann sich die entsprechenden Tabletten natürlich rezeptfrei in der Apotheke kaufen.

 

Schützt Jod auch vor den anderen gefährlichen radioaktiven Stoffen
Heiko Meyer: Nein, Jod ist kein Allheilmittel gegen Strahlung. Es schützt ausschließlich die Schilddrüse und auch nur in den ersten Stunden nach Austreten der radioaktiven Strahlung, da das radioaktive Jod nur in dieser Phase freigesetzt wird. Es hilft weder gegen Strontium noch gegen Cäsium, Uran oder Plutonium.

 

Ist es sinnvoll bei einer möglichen Bedrohung mehr Jod durch Nahrungsergänzungsmittel oder Jodsalz zu sich zu nehmen?
Heiko Meyer: Jeder sollte grundsätzlich ausreichend Jod zu sich nehmen. Die empfohlene Menge ist aber individuell so verschieden, dass man sich in der Apotheke oder vom Arzt beraten lassen sollte. Seit den 80iger Jahren ist durch die häufige Verwendung von jodiertem Speisesalz der Jodmangel in Deutschland ohnehin stark zurückgegangen. Unkontrolliert weiter Jod einzunehmen bringt gesundheitlich eher Nachteile als Vorteile.

 

Was sollen eigentlich Menschen tun, die eine Jodallergie, eine Schilddrüsenüber- oder unterfunktion haben oder deren SD bereits entfernt wurde?
Heiko Meyer: In jedem Fall sollten sich diese rechtzeitig von Ihrem behandelnden Arzt über Dosis, mögliche Risiken und Nebenwirkungen beraten lassen und dann gemeinsam abwägen, was im Ernstfall zu tun ist.